Passionsspiele in Oberammergau
Marianne Müller

Das Dorf Oberammergau liegt südlich von München am Rand der Alpen (Foto 1). Vor allem wegen seiner Passionsspiele ist es in der ganzen Welt bekannt. Die Geschichte des Passionstheaters beginnt 1633 inmitten der Wirren des 30-jährigen  Krieges. Eine besondere Gefahr drohte  den Menschen in dieser Zeit: die Pest. Der Legende nach brachte  ein Mann namens Kaspar Schisler (er war Tagelöhner in Eschenlohe), der zum Kirchweihfest nach Hause kam, die Pest nach Oberammergau und viele Menschen starben.  In ihrer Not machten die Oberammergauer ein Gelübde: Sie wollten alle 10 Jahre die Passion aufführen, das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“. Und so geschah es und…sie vertrieben damit die Pest. Seitdem wird die Passion als Theaterstück alle 10 Jahre aufgeführt – mit wenigen Unterbrechungen während der Kriege und auch ein Verbot während der Zeit der Aufklärung; die letzte Unterbrechung war durch Corona bedingt.

Wir hatten Karten für eine Aufführung 2020, die aber wegen der Pandemie um 2 Jahre verschoben werden musste. Umso mehr freuten wir uns, als es in diesem Sommer endlich klappte.

Etwa 1.600 erwachsene Oberammergauer und 550 Kinder wirken mit: Sie müssen echte Oberammergauer sein, d. h. einige Jahre ortsansässig. Christian Stückl, auch ein Oberammergauer und Leiter des Münchner Volkstheaters, führt Regie und das Spiel wird neuerdings geleitet von einem Muslim, Abdullah Karaca. Die Texte wurden immer wieder überarbeitet, neue theologische und historische Kenntnisse flossen in die Bearbeitung ein, zuletzt von Christian Stückl – vor allem wurden Antijudaismen gestrichen.

Endlich kam der große Tag und wir rüsteten uns für die Aufführung des Passionsspiels. Sie findet statt in einer riesigen zeltartigen Halle (Foto 2),  rund 4.500 Zuschauer finden darin Platz. Die Bühne vorne ist offen es wird unter freiem Himmel gespielt (bei Regen wird ein Verdeck über die Bühne geschoben). Die Aufführung findet nachmittags und abends statt, jeweils 3 Stunden.

Und dann geht es los mit einem „lebenden Bild“ (Foto 3): Die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Diese  lebenden Bilder sind zwischen die einzelnen Szenen der Passionsgeschichte eingefügt, zeigen die Israeliten im Alten Testament und verleihen dem Passionsspiel zusätzlich Sinnhaftigkeit.

Der Einzug Jesu in Jerusalem (Foto 4) - überwältigend: Viel Volk, bärtige Männer, Frauen und Kinder in langen Gewändern,  Jesus reitet auf einem Esel herein und das Volk jubelt, schwenkt Palmenwedel zur Begrüßung. Die Geschichte Jesu fängt an. Wir verfolgen gespannt Szene für Szene: die Tempelreinigung (Foto 5), das Abendmahl  (Fotos 6 und 6a) und die Gefangennahme Jesu.

Der Höhepunkt, die Kreuzigung (Foto 7), findet am späten Abend statt – wir erleben einen sehr intensiven Moment und wir merken, dass auch um uns herum alles still wird. Der Schluss wieder hoffnungsvoll: Die Auferstehung, ein lebendes Bild.

Am Ende der Aufführung tief beeindruckte Menschen, nachdenkliche Gesichter – erst
atemlose  Stille, dann brausender Beifall. Besonders berührt haben mich 2 Figuren: Zum Einen Jesus selbst, ein unbequemer junger Mann, ein sehr menschlicher Jesus, der beim Einzug in Jerusalem strahlt, der bei der Tempelreinigung und vor dem Hohen Rat kämpft und der bei Gefangennahme und Kreuzigung ungeheuer leidet. Zum Anderen Judas, diese tragische Gestalt. Er wird zum Verräter und hängt sich aus Verzweiflung auf.

Spät in der Nacht gehen wir mit vielen anderen Passionsbesuchern zum Pendelbus und fahren dann vom Parkplatz weit außerhalb des Ortes mit unserem Auto nach Hause. Natürlich sind die Passionsspiele in Oberammergau ein Tourismus-Event, aber auch ein grandioses Erlebnis für religiöse und nichtreligiöse Menschen.

Bildernachweis:
Foto 1: Oberammergau/theaterstart-start 1 - Foto 2: Zelthalle/merkur.de - die Fotos 3, 4 und 5 stammen aus dem Buch "Passionsspiele Oberammergau 2022" aus dem Verlag "Theater der Zeit" - Foto 6: Abendmahl/hauckreise.de - Foto 7: Abendmahl/Kirche und Leben - Foto 8: Kreuzigung/Chrismon-Evangel.de

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