Sinterklaas und Pokémon
Jos de Wit
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Als Opa die Enkelin abholt, hält diese beim Aussteigen aus dem Schulbus ein paar Pokémonkarten in der Hand. Begeistert erzählt sie, dass sie die Karten von ihrem Freund (sie ist 7!) bekommen habe.  Was man mit Pokémonkarten tun kann, weiß sie dagegen nicht. Aber das ist ihr egal.
 
Offensichtlich ist Pokémon wieder zurück. Ich musste mich sofort an ein Ereignis in der Schule erinnern: Es war in der Niederländischen Abteilung üblich, dass mit der Klasse „Sinterklaas“ gefeiert wurde. Eigentlich war der Ablauf immer gleich. Einen Monat vorher wurden Lose mit Namen gezogen, und dann sollte man für die Betreffenden ein Geschenk, versteckt in einer „Überraschung mit Reim", fabrizieren.
 
Da der Lehrer, also ich, es immer furchtbar fand, ein Gedicht (oder besser: Reim) und obendrein eine Überraschung zu basteln, hatte er beschlossen, diesmal auf eine Überraschung und ein Gedicht zu verzichten. Alle sollten vielmehr drei Geschenke kaufen. Der Totalbetrag durfte allerdings 10 Mark nicht übersteigen.
 
Das Spiel wurde mit Würfeln gespielt, wobei man bestimmte Kärtchen mit Aufgaben ziehen musste. Die Aufgaben waren einfach, z.B. „Nimm ein Geschenk aus dem Haufen!“ oder: „Gib Deinem Nachbarn ein Geschenk!“ oder: „Erbitte ein Geschenk von dem Schüler mit den meisten Geschenken!“ usw.
 
Zwei Schüler suchten in dem Haufen Geschenke sofort nach etwas Bestimmtem. Das fiel zunächst noch nicht auf, aber als die Geschenke ausgepackt waren, stellte sich heraus, dass es sich um Pokémon-Karten handelte. Wie sich dann zeigte, waren diese Karten wesentlich teuer als 10 Euro. Da keine anderen Schüler Pokémon spielten, waren die Beiden sich ziemlich sicher, diese Karten mit nach Hause nehmen zu können. Aber sie erschraken sich zu Tode, als als die Aufgabe lautete: „Alle rücken drei Stühle nach rechts“. Und damit waren für sie die Pokemon-Karten futsch, denn die Geschenke blieben am Platz liegen!
 
Da der Lehrer jetzt wusste, wie der Hase lief, hatte er zum Schluss alle Pokémon-Karten erobert. Die Schüler konnten die Karten nur zurückbekommen, indem sie alle anderen Geschenke dem Lehrer abgaben. Der Lehrer verteilte - gutherzig wie er nun mal ist - die Geschenke wieder, und so waren alle zufrieden.
 
Bei einem Elternabend erzählten mir die Eltern, dass sie erstaunt waren, dass die Schüler Geschenke für über 35 Mark kaufen sollten. Um der Sache nachzugehen, hatten die betroffenen Eltern miteinander gesprochen. Da sie beide die gleiche Geschichte hörten, sollte diese doch eigentlich stimmen (dachten sie). Als sie von mir die wahre Geschichte hörten, mussten beide Schüler von ihrem Taschengeld die Differenz zurückbezahlen.

Übrigens: Die Enkelin und ihr Opa wissen immer noch nicht, was man mit Pokémon-Karten wirklich anstellen soll.


Jos