29.07.2013 - Reisebericht
Für unsere Website herrscht gerade Saure-Gurken-Zeit. Daher möchte ich einen aktuellen Reisebericht beisteuern. Er ist zur Nachahmung empfohlen.
Usedom - eine Reise in die Vergangenheit
Schon lange hatten wir die Absicht, einmal unseren Urlaub auf Usedom, Deutschlands zweitgrößter Insel, zu verbringen. Allein die Entfernung (rund 750 km) hatte uns bisher davon abgehalten. In jüngeren Jahren hatten mir lange Autofahrten nichts ausgemacht, aber nicht nur das Alter, sondern vor allem die Zustände auf deutschen Autobahnen haben mir mittlerweile den Spaß genommen.

Wenn man einmal Hamburg umrundet hat, glaubt man sich fast am Ziel. Aber die Strecke bis in die Nähe der polnischen Grenze ist länger als gedacht. Wenn man endlich bei Wolgast die Brücke über den Peenestrom überquert hat, befindet man sich unversehens schon auf Usedom. Unsere Ferienwohnung lag in Karlshagen, einem kleinen Seebad, das in der heutigen Form erst nach der "Wende" entstanden ist. Zuvor war es eher eine Ansammlung bescheidener Behausungen.

Wieso eine Reise in die Vergangenheit? Ein Grund sind die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin im Südosten der Insel. Wie der Name schon sagt, sind die Bäder zur Kaiserzeit entstanden und waren beliebte Urlaubsorte für den Adel und die "bessere" Gesellschaft. Usedom war aber auch ein beliebtes Urlaubsziel für das "einfache" Volk. Nicht ohne Grund nannte man die Insel die "Badewanne Berlins". In späteren Jahren sind die Orte in einen Dornröschenschlaf verfallen. Nach der Wiedervereinigung jedoch sind die herrlichen Stadtvillen und Hotels zu neuer Pracht erblüht. Ja, man fühlt sich in längst vergangene glanzvolle Zeiten zurückversetzt.
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In einem krassen Gegensatz zu den belebten Seebädern entlang des mehr als 40 km langen Sandstrandes steht das Achterland, das an den Peenestrom (Achterwasser) angrenzt. Die Landschaft, von den Gletschern der Eiszeit modelliert, wirkt friedlich und fast vergessen. Dörfchen mit reetgedeckten Häusern schmiegen sich in die Senken. Die Straßen sind oft mit Feldsteinen gepflastert, und in den Naturhäfen schaukeln gemütlich alte Fischerboote. Auch vor 200 Jahren dürfte es hier nicht viel anders ausgesehen haben.

Peenemünde erinnert an eine dunkle Vergangenheit. Hier war die Heeresversuchsanstalt, in der u.a. die V 2 entwickelt wurde. Nicht ohne Beklemmung habe ich den Ort besucht: Im Hafen liegen ein gewaltiges russisches U-Boot und einige alte Schiffe der DDR-Marine. Rings um das frühere Kraftwerk, das übrigens noch zu DDR-Zeiten in Betrieb war, gibt es einige wenige Exponate (V 1, V 2 und eine Werksbahn). In den Ausstellungsräumen selbst wird vor allem an die Menschen erinnert, die hier Zwangsarbeit verrichten mussten und vielfach - welche Ironie des Krieges - bei Bombenangriffen umgekommen sind.

Ich war froh, Peenemünde hinter mir zu haben, als ich auf malerischen Waldwegen wieder nach Südosten radelte. Ein Fahrrad ist auf Usedom ein absolutes Muss. Es gibt ein ausgezeichnetes Radwegenetz, das einen auch an Orte führt, die dem Auto verschlossen bleiben. Eine bequeme Reisealternative ist die moderne Bäderbahn, die von Wolgast aus bis Świnoujście
(Swinemünde) alle Bäder verbindet.

Wie es der Zufall wollte, sendete der WDR wenige Tage nach unserer Rückkehr einen Bericht über Usedom. Vieles erinnerte an eigene Entdeckungen und Begegnungen. Aber wen wundert es: Es gab noch genügend Tipps, die Appetit auf einen weiteren Besuch dieser herrlichen Insel machten. Dann wird es wohl wieder eine Reise in die Vergangenheit.

Die Fotos zeigen eine Straßenszene in Zinnowitz sowie das Achterwasser auf der Halbinsel Gnitz.

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Jürgen Kirchner
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