22.05.2013 - Vom Leben nach der ESM
Susanne Mason hat diesen wunderschönen Bericht über ihre Zeit nach dem Abschied von der ESM geschickt.
Vom Leben nach der ESM – ein Bed & Breakfast in Norfolk

"Könnten Sie mir wohl einen Spaten und einen Handfeger leihen? Ich möchte auf dem Friedhof von Trunch ein paar versunkene Grabsteine ausbuddeln."

"Kein Problem", erwidere ich. Der ältere Herr nickt und widmet sich nun zufrieden seinem Frühstück, das ich ihm soeben serviert habe. Auf seinem Teller befinden sich drei kross gebratene Speckscheiben, ein Würstchen, zwei gebratene und gebutterte Champignons, ein Spiegelei auf gebuttertem Toast, eine halbierte gebratene Tomate und natürlich eine Portion Baked Beans der Firma Heinz – ein ganz normales "fried breakfast". Er ist mit Gattin aus Australien angereist, um auf dem hiesigen Friedhof nach seinen Vorfahren zu forschen.

Ahnenforschung ist ein beliebtes Hobby in den anglosächsischen Ländern. Der britische Kolonialismus verteilte seine Landsleute über die ganze Welt. Familiengeschichten lassen sich oft erstaunlich gut zurückverfolgen, zumal das Ausgangsland Großbritannien recht übersichtlich und klein war - verglichen mit dem Rest Europas, wo die Völkerwanderungen wie Wogen über Länder hinwegschwappten. Auch Verzeichnisse von Volkszählungen aus vergangenen Jahrhunderten ("census") sind bei Behörden einsehbar und leisten Menschen britischer Herkunft eine gute Starthilfe zur Ahnenforschung.

Unser Haus in Norfolk, drei Kilometer von der Küste entfernt, ist ein
Bed & Breakfast (http://www.manorhousetrunch.co.uk). Der Begriff "Frühstückspension" trifft diese englische Einrichtung nicht ganz. Wer sich in einem B&B einquartiert, sucht Tuchfühlung mit den Hausherren, ein wenig "home from home" mit möglicherweise ausgiebigem Tratsch und Klatsch beim Frühstück oder am Abend, wenn man nach einem anstrengenden Tag am Meer oder vom Besuch der hier ansässigen Verwandten zurückkehrt. Kein standardisiertes Zimmer wie im Travel Lodge also, wohl aber eine vergleichbar niedrige Preisklasse. Mit einem B&B wird man selten reich, aber es langt, die laufenden Kosten zu decken.

Ein B&B zu betreiben unterscheidet sich ein wenig von meinem ursprünglichen Beruf als Lehrerin. Was ich vor allem an diesem Leben seit 2001, seit wir die Europäische Schule München verließen, schätze, ist meine Freiheit. Kein Stundenplan, der mich durch den Tag prescht, keine qualvollen Korrekturen (ich bin Deutschlehrerin), und über meine Zeit verfügen zu können, wie es mir passt. Wir wollen spontan verreisen? Gut, dann nehmen wir für die Zeit keine Buchungen an (besser aber nicht in der Hauptsaison wegen Einkommensverlust, und wen bitten wir, auf Haus und Hunde aufzupassen?).

Als Zweites schätze ich das entspannte Arbeiten. Keine hyperaktiven Schüler, die meine Stundenplanung zunichte machen. Keine Disziplinprobleme oder sadistischen Inspektoren. Außerdem erlaubt es mir, Nebenaktivitäten wie ein Webdesign-Studio, mein Malen sowie gelegentliche Übersetzungen zu betreiben. Langeweile – was ist das?

Als Drittes natürlich die Gäste! Über die Jahre habe ich einen wunderbaren Querschnitt durch die britische Bevölkerung kennengelernt. Meine Tätigkeit hilft mir z.B., mein immer noch recht fehlerhaftes Englisch zu trainieren, den berühmten englischen Humor zu studieren und dessen Anwendung selbst zu versuchen. Am interessantesten aber ist es, wenn die Leute auftauen und etwas über sich selbst und ihr Leben erzählen.

Das Leben am Rande der Insel bekommt John und mir sehr. Tagsüber hört man vor allem Vogelgezwitscher und wird oft auch von dem vom Meer kommenden Wind durchgeblasen, und abends herrscht Weltall-Stille, als gäbe es keine Autos, Flugzeuge oder Menschen. Und unsere Region von Norfolk bietet unzählige Ausflugsziele, Sehenswürdigkeiten, Wanderwege, von denen wir selbst nur einen Bruchteil erforscht haben (wie das so üblich ist).

Schockierte Freunde, die uns aus München besuchen kamen, äußerten schon mal, ob wir uns hier nicht ein wenig abgeschnitten fühlten, nach Großstadt, Schule etc? Das passiert aber eher selten. Unser Dorf hat eine gute Gemeinschaft, wir kennen eine Menge netter Leute hier und mit dem Auto (das absolut nötig ist) kommt man rasch in die "City" Norwich. Zwei reizende Labrador-Hündinnen leisten mir Gesellschaft, wenn John als Schulinspektor unterwegs ist. John organisiert auch die monatlich stattfindenen Truncher Konzerte in der mittelalterlichen Kirche und ich betreue die Website von Trunch (
http://www.trunch-norfolk.co.uk) sowie die Konzert-Website (http://www.trunchconcerts.co.uk).

Aber klar, München fehlt mir schon. Theater, Oper, Konzerte, deutsche Buchläden, urige Gaststätten, das mediterrane Flair der Stadt ... Und natürlich all die Freunde, die Geselligkeit. Das internationale Lehrerzimmer der Schule! Aber viele der damaligen Kollegen sind mittlerweile gegangen, die Schule hat sich unglaublich vergrößert. Würde ich mich da noch wohlfühlen? Nein, der Vergangenheit trauere ich nicht nach. Wichtig ist es uns, die an der ESM geschlossenen Freundschaften mit so vielen phantastischen und lieben Menschen lebendig zu halten.
Stacks Image 312