24.01.2013 - Begegnung in der Ravenna-Schlucht
Chris van de Runstraats Bericht über sprachliche Abenteuer erinnert mich an eine Begebenheit während unseres letzten Urlaubs im Schwarzwald.
Kanadischer Holländer oder holländischer Kanadier?
Stacks Image 277
Wie das nicht selten bei älteren Ehepaaren so ist: Kompromisse erleichtern auch bei uns das Leben! Dies gilt z.B. für alle halbwegs sportlichen Vorhaben. Längere – und vor allen Dingen: anstrengende - Wanderungen stoßen bei meiner besseren Hälfte Gisela nicht unbedingt auf große Gegenliebe. Dann legt sie eher, gemeinsam mit unserem bald 12-jährigen Retriever Iljoscha, einen „Wellness“-Tag ein. Zum Glück gibt es da noch den putzmunteren Retriever Krischan, der begeistert jede Tour mitmacht. Hauptsache: Es gibt unterwegs genug Leckerli...
Stacks Image 269
Vom Bahnhof Hinterzarten aus zogen Krischan und ich im letzten Juni los. Dorthin hatte uns die Höllentalbahn gebracht. Die Strecke steigt bei einer Länge von 25,4 km von 268 m ü. NN in Freiburg auf 885 m ü. NN in Hinterzarten an. Das sind 617 Höhenmeter. Damit ist die Höllentalbahn die steilste Hauptbahn Deutschlands. Da ich aus einer Eisenbahnerfamilie (Großvater, Vater) stamme, war die Fahrt für mich natürlich von besonderem Reiz.

Unser eigentliches Ziel war jedoch die Ravenna-Schlucht. Nein, wir hatten uns nicht nach Italien verlaufen! Der Ravenna-Bach plätschert im Südschwarzwald dahin und hat sich auf einer Strecke von 4 km tief in den Fels eingegraben, bis sich die Schlucht schließlich zum Höllental hin öffnet. Dort überquert die Eisenbahn das Tal auf einem 36 m hohen Viadukt, das ab 1926 errichtet wurde.
Stacks Image 274
Bis zum Einstieg in die Schlucht waren Krischan und ich allein auf weiter Flur. Wir kraxelten vorsichtig über Stock und Stein talwärts. Mit einmal hörten wir Stimmen – viele Stimmen auf Englisch: „Oh, isn’t he lovely!“ May I take a picture of him?“ May I caress him?“ Wer gemeint war, ist nicht schwer zu erraten: Krischan natürlich! Betagte Amerikanerinnen mit sehr jugendlicher Haarpracht erdrückten fast den armen Krischan. Ich durfte immerhin die Leine halten.

Des Rätsels Lösung: Ein Kreuzfahrtschiff hatte seine menschliche "Ladung" bei Basel „ausgespuckt“, und eine große Gruppe amerikanischer und kanadischer Touristen quälte sich nun ein Stück die Schlucht hinauf. Manche etwas „überbreit“ und ziemlich herrisch, die meisten nett und gesprächig.

Unter dem Viadukt stieß ich auf einen Kanadier, der von sich behauptete, niederländischen Ursprungs zu sein. Als Grenzbewohner traute ich mir zu, den ultimativen Sprachtest zu machen. Und tatsächlich: Da standen wir unter der Brücke und unterhielten uns prima auf Holländisch. Wozu Sprachen doch gut sein können...

Jürgen Kirchner