04.04.2014 - Erik van Slooten


SCHUTZENGEL OLGA & SCHWIMMMEISTER JOS

 
Ende Februar 2012 erlitt ich einen Schlaganfall, von dem ich mich inzwischen zu 90% erholt habe. Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt, wie so oft in meinem Leben. Meine Ärzte kamen nach dem Studium der Bilder meines Kopfes zur folgenden Schlussfolgerung: „Der Unterschied zwischen Leben und Tod betrug bei Ihnen 2 Millimeter, Herr van Slooten.“
 
Zwei Millimeter im unendlichen Universum!
 
Inzwischen kann man mich kaum noch behindert nennen. Ich kann wieder gehen (allerdings am liebsten mit Gehstock), autofahren, fahrradfahren, Treppen steigen usw. Nur Schwimmen stellte sich als problematisch heraus und das hat mir fast das Leben gekostet. Hier kommt die Story (mit happy end):  

Am 20. August 2013 kamen Sonja und ich nach einer langen Autofahrt um 17 Uhr bei unserem Hotel in Barletta (Apulien – Süditalien) an. Sonja wollte nach der langen Reise eine Stunde schlafen und ich wollte ins herrliche Schwimmbad im Garten des Hotels. Sonja hatte ihr Bedenken, aber ich setzte mich durch. Im Schwimmbad war nur eine junge Frau. Weiter war niemand da, auch nicht auf den Liegewiesen rund um das Schwimmbecken. Ich stieg ins Wasser auf der Seite, wo es sehr untief war und spazierte vorsichtig (ich hatte nicht mehr geschwommen seit meinem Schlaganfall) in die Richtung, wo es ein bisschen tiefer war, aber wo ich noch stehen konnte. Da wollte ich versuchen, zu schwimmen. Aber auf einmal wurde das Schwimmbad ohne Übergang und ohne Warnung von etwa 60 centimeter weit über zwei meter tief. Ein Abgrund! Auf einmal hatte ich keinen Boden mehr unter den Füßen. Ich bemerkte auch, dass meine Beine noch nicht genug Kraft hatten, mich wieder mit dem Kopf über Wasser zu bringen. Ich geriet in Panik, schluckte viel Wasser, begann ein sinnloses Gefecht unter Wasser und war auf einmal überzeugt: Das ist das Ende. Du bist dabei, zu ertrinken. Dieser Gedanke war trotz der Lage sehr klar in meinem Kopf.
 
Auf einmal hörte ich eine Stimme: „Donnez-moi la main!“ und ich spürte, wie eine Hand meine Hand ergriff und begann, mich zu dem Teil des Pools, wo ich wieder stehen konnte, zu schleppen. Das gelang und ich war wieder über Wasser, klammerte mich am Rand des Beckens fest, hustend und Wasser spuckend, während die junge Frau mir auf den Rücken klopfte. „Ca va? Ca va, monsieur?“ „Merci!“ hustete ich. „Vous m'avez sauvé la vie!“  Sie legte einen Arm um mich, bis sie das Gefühl hatte, dass es mir wieder besser ging. Sie half mich aus dem Becken und verabschiedete sich, weil sie oben im Hotelzimmer ein kleines Kind hatte, das sie versorgen musste.
 
Ich lebte noch! Wäre ich alleine im Schwimmbad gewesen, wäre die Frau 5 Minuten früher auf ihr Zimmer gegangen, wäre ich ertrunken. Das stand für mich fest. Ich ging ins Hotelzimmer und erzählte Sonja, die wieder wach war, die ganze Geschichte. Sie war selbstverständlich auch sehr erschüttert.
 
Ich wollte unbedingt noch mit der Frau sprechen, mich nochmals bei ihr bedanken. Aber an diesem Tag sah ich sie nicht mehr, auch nicht abends im Restaurant des Hotels. Aber am nächsten Morgen, im Frühstücksraum, sah ich sie, mit Mann und ihrer kleinen Tochter. Sie hatte mich noch nicht bemerkt. Ich verließ den Speisesaal, ging zur Rezeption und kaufte eine gute Flasche Champagner, die ich schön einpacken ließ. Ich schrieb auf einen Zettel des Hotels:
 
„Pour la femme courageuse, qui hier m'a sauvé la vie. Je ne l'oublierai jamais!!! Dieu vous bénit et votre famille. Erik van Slooten“
 
Ich ging wieder in den Speisesaal. Mann und Kinder waren schon weg, aber meine Retterin war noch da, alleine, und frühstückte in Ruhe. Jetzt sah ich auch, wie schön sie war, blond und von einer zerbrechlichen Schönheit. Ich ging auf sie zu, bedankte mich nochmals in meinem besten Französisch und überreichte ihr mein Geschenk. Sie hatte Tränen in den Augen. Ich bemerkte erst jetzt, wie das Geschehen auch sie sehr mitgenommen hatte. Sie stand auf, umarmte mich und sagte mir, wie glücklich sie war, denn im Schwimmbad war ihre größte Angst gewesen, dass ihr die Rettung nicht gelingen würde. „Darf ich Ihren Namen erfahren?“ fragte ich. „Olga,“ sagte sie. „Je m'appelle Olga.“ So verabschiedeten wir uns. Sie und ihre Familie reisten an diesem Tag wieder nach Fankreich zurück.
 
Gott hat mir einen Schutzengel, die tapfere Olga, la belle Olga courageuse,  geschickt und mir so zum zweiten Mal das Leben verlängert. Zutiefst dankbar bin ich. Ich werde Olga wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben sehen. Ich kenne ihren Nachnamen nicht und weiß nicht, wo sie im großen Frankreich lebt. Aber ich denke fast täglich an sie.
 
Obwohl ich nie ein guter Schwimmer war, hat Schwimmen mir immer Spaß gemacht. Aber nach diesem Abenteuer im August 2013 habe ich Angst vor Wasser. - Hatte ich Angst vor Wasser!
 
Unbekannt

Denn als ich Jos de Wit diese Geschichte erzählte, beschloss er, mir Schwimmunterricht zu geben und mich von meiner Wasserangst zu befreien. Jos und Alice haben im Untergeschoss ihres Hauses ein schönes Schwimmbad, in dem man überall stehen kann. In diesem herrlichen Bad mit 26° Wassertemperatur bekomme ich jetzt zweimal pro Woche eine halbe Stunde Schwimmunterricht. Dass Jos ein guter Mathematiklehrer ist, wusste ich schon. Jetzt entdecke ich auch seine Qualitäten als Schwimmlehrer. Ich fange wieder an, das Wasser zu lieben.
 
Nach Ostern werden wir beide in Ottobrunn zusammen mal ein richtiges Schwimmbad besuchen und ich werde unter seiner Leitung ausprobieren, wie lange und wie weit ich im tiefen Becken schwimmen kann.
 
Schutzengel Olga und Schwimmmeister Jos: Sie leben hoch!