Jos de Wit
Elvis oder: Welch ein Glück, dass ich in Frankfurt war
Einer meiner Nachbarn wurde 50, und seine Schwiegereltern, die auch in unserer Siedlung wohnen, wollten ihm aus diesem Anlass etwas Besonderes schenken. Nach langem Grübeln - denn wir kennen das alle: Der Jubilar hatte schon fast alles - beschlossen sie, ihm ein (Glücks-)Schwein zu schenken. Nein, nicht so etwas wie ein Spar- oder Kuschelschwein, nein, ein Lebendes. Da sie viele Bauern in der Gegend kannten, war es das kleinste Problem, ein junges Schwein zu finden. Aber dies war nur der Anfang!

Zuerst musste das Tier ein paar Tage vor dem Geburtstag zu ihrem Haus transportiert werden. Sie kannten jemand mit einem Anhänger, aber um einen solchen zu benutzen, braucht man ein Auto mit Anhängerkupplung. Ja, es gab in der Siedlung einen Holländer, der hatte selbstverständlich einen Wohnwagen, also auch ein Auto mit Anhängerkupplung. Aber der Holländer war nicht da. Sie wussten, dass er ein paar Tage in Frankfurt war.

Letztendlich ist es Ihnen doch noch gelungen, jemanden mit Auto und Anhängerkupplung zu finden. Und nun stand der Anhänger mit Schwein einige Tage in einer Scheune versteckt. In dieser Zeit wurde beschlossen, dass das Schwein Elvis heißen sollte. Warum dieser Name, dies ist mir bis heute schleierhaft.

Am Geburtstag wurde mit Hilfe einiger Leute aus der Nachbarschaft, aber ohne den Holländer (denn war ja noch immer in Frankfurt), der Anhänger zum Haus des Geburtstagskindes gerollt und ausgeladen. Der Jubilar war überrascht von diesem Geschenk. Da es jedoch von seinen Schwiegereltern kam, zeigte er pflichtbewusst eine gewisse Begeisterung.

Aber nun stellte sich die Frage: Wohin mit dem Schwein? Später hat mir der Schwiegervater, als ich wieder aus Frankfurt zurück war, ehrlich erzählt, dass er das Problem nicht vorausgesehen hätte. Man beschloss, das Schwein vorläufig wieder in den Anhänger zurück zu bringen. Alle, außer dem Holländer, der ja in Frankfurt war, haben gemeinsam versucht, dies zu bewerkstelligen. Aber leider stellte sich heraus, dass auch junge Schweine unglaublich stark sind. Ja, wenn der Holländer dabei gewesen wäre, ja dann... Aber der Holländer war nicht da, der war bekanntlich…

Zum Glück hatte das Geburtstagskind noch einen leeren Hühnerstall. Der Stall war leer, da ein Marder eine Woche zuvor alle Hühner tot gebissen hatte. Auch Marder sind in Bayern gut erzogen, denn das Tier hatte alle Hühner säuberlich in einer Reihe am Boden abgelegt.

Es kostete etwas Mühe, aber am Ende gelang es doch, das Schwein im Hühnerstall unterzubringen. Müde und einigermaßen zufrieden wurden die Helfer eingeladen, ein Glas Sekt zu Ehren des Geburtstagskindes, das nun Schweinebesitzer war, zu trinken. Aber man hatte sich noch nicht zugeprostet, als jemand Elvis im Garten erblickte. Offensichtlich fehlte es dem Tier an Bewegung, denn es rannte jetzt quer durch Garten und Beete. Ich habe Wochen später (Ja, ich war da tatsächlich wieder zurück) selber gesehen, dass der Garten noch immer eine "Wüste" war. Aus dem gemütlichen Umtrunk wurde nichts. Schnell wurde aus alten Holzbrettern, die herumlagen, ein Art Stall gebastelt. Und da wurde das Schwein nun untergebracht. Nach dem Sekt gingen alle wieder nach Hause. Jeder erzählte, was alles geschehen war und dass er kein Schwein zum Geburtstag wolle. Die Ruhe dauerte aber nicht lange. Panik! Elvis war nicht nur aus dem Stall, sondern auch aus dem Garten ausgebrochen. Das bedeutete: Suchen im Wald mit der gesamten Nachbarschaft. Ohne den Holländer jedoch, der immer noch in Frankfurt war! Aufgeregt begann man mit der Suche. Da dieser Wald der größte in Oberbayern ist, konnte das Suchen lange dauern. In der Aufregung hatte man vergessen, wenigstens ein Handy mitzunehmen. Wie sich später herausstellte – ein großer Fehler!

Unterdessen herrschte Erstaunen bei den Leuten in der Siedlung, die vom ganzen Geschehen nichts mitbekommen hatten. Denn da lief ein Schwein frei herum. Man war nicht so begeistert von der Idee, dass ein Schwein in den eigenen Garten eindringen könnte. Und man schaffte es immerhin, das Tier dorthin zu dirigieren, wo einst ein Garten war, der allerdings mittlerweile arg vernachlässigt war. Immerhin war der Zaun noch sehr stabil.

Aber was tun mit einem ausgerissenen Schwein? Da die Polizei für alles und noch mehr zuständig ist, rief man diese an. Aber es stellte sich heraus: Bei diesem Problem war sogar die Polizei überfordert.

Die neue Schweinebesitzerin lief hilflos durch die Siedlung. Dies fiel der Schwiegermutter des Geburtstagskindes auf und sie fragte, was los sei. Sie war erleichtert, als sie die Geschichte hörte, denn Elvis war ja wieder gefunden geworden. Man brauchte nur noch auf den Suchtrupp zu warten und alles wäre – zumindest vorläufig - wieder erledigt. Aber der Trupp war unerreichbar und kam erst nach drei(!) Stunden enttäuscht zurück. Man hatte Elvis, trotz aller Mühen, nicht gefunden. Ob es wirklich drei Stunden waren, weiß ich nicht, denn ich...

Die Ruhe war, als ich zwei Tage später aus Frankfurt zurückkam, wieder eingekehrt. Der neue Stall ist jetzt stabil genug, und ich hoffe, dass dies so bleibt, denn das Tier wächst sehr schnell und wird wahrscheinlich noch viel kräftiger. Und das nächste Treffen für mich ist erst in zwei Jahren.