Chris van de Runstraat:
Grenzen
Ein Plädoyer für klare Grenzen

Neulich hörte ich im Rundfunk einen Niederländer erzählen, wie er - einige Jahre nach dem Krieg - als kleiner Bub von einem Aussichtsturm einen ersten Blick auf das Ausland geworfen hatte, und zwar auf Deutschland. Dieses Land kannte er aus Geschichten, die seine Eltern zu Hause über den Krieg erzählten. Er war verwundert, dass jenseits der Staatsgrenze der Himmel nicht grau wurde; es musste doch sichtbar sein, dass dort die bösen Menschen wohnten.

Staatsgrenzen wurden in Westeuropa dann mehr oder weniger durchlässig, die englische nur zögerlich. Als ich 1956 im Sommerurlaub dort einreisen wollte, befragte mich ein Beamter, der von einem 2 Meter hohen Podest auf mich herunterschaute. Was ich mit dem Fahrrad machen wollte, wollte er wissen. Na, Radfahren, sagte ich. Ob ich das Fahrrad auch wieder mit nach Hause nähme? Klar, ich hatte nur eins. Voller Misstrauen wurde mir das Betreten der Insel gewährt. Dort gab es, wie meistens an der anderen Seite einer Grenze, viele freundliche Menschen.

Einreisen in Osteuropa war vor der Wende abenteuerlich. Man musste die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln genau beachten. Beim Einreisen nach Ungarn mit Familie und Wohnwagen wollte der Zollbeamte sofort nachschauen, was im Kühlschrank war. Er sah sich den Inhalt an und sagte enttäuscht, dass nichts darin wäre. „Doch“, sagte ich, „eine halbe Tüte Milch, acht Karotten, Erdbeermarmelade...“ Er schüttelte den Kopf bei so viel Dummheit und stempelte verzweifelt doch noch meinen Reisepass. Später erfuhr ich, dass man zwei Flaschen Bier im Kühlschrank haben sollte; die wurden dann freundlich beschlagnahmt, und man konnte ohne weitere Probleme einreisen.

Als ich 1988 nach München kam, brauchte man als Niederländer noch eine Aufenthaltsgenehmigung. Abgeordnete Lehrer waren aber davon befreit und bekamen auch keine. Mit eigenartigen Folgen. Erik van Slooten musste mal zum Flughafen Riem, weil man seiner Frau die Einreise verweigerte. Jos de Wit war es sogar gelungen, einen Stempel in seinem Reisepass zu bekommen, um zu bestätigen, dass er keinen Stempel brauchte. Alle waren neidisch und wollten auch so was. Letztendlich bekamen alle ausländischen abgeordneten Lehrkräfte und ihre Angehörigen einen Auszug aus der Bayrischen Verfassung als Beilage zum Reisepass.

Als Tiny und ich 2001 von München zurück in die Heimat radelten, wurden wir mit anderen Grenzen konfrontiert. In Westfalen wird man beim herzlichen „Grüß Gott“ angeglotzt, das wussten wir. Wo aber genau verläuft die „Grüß Gott – Guten Morgen“- Grenze? Sie ist schwieriger zu unterscheiden als eine Staatsgrenze, stellten wir fest. Noch komplizierter wird es, weil es auch eine „Semmel – Brötchen“ - Grenze gibt. Im Übergangsgebiet wurden wir dauernd zurechtgewiesen: „Grüß Gott, vier Brötchen bitte“ wurde erwidert mit „Guten Tag, welche Semmeln möchten Sie?“.

Heute entsteht ein Ruf nach guten alten Zeiten mit echten Staatsgrenzen, mit Stacheldraht und allem Drum und Dran. Ich bin dagegen. Stattdessen sollte die „Brötchen – Semmel“- Grenze genau markiert werden, z. B. mit einem B oder S auf jeder Bäckerei. Allen Ortsschildern sollte außer Name, Gemeinde und Kreis auch ein GG (Grüß Gott) oder ein GT (Guten Tag) hinzugefügt werden. Damit würde meines Erachtens vielen Schwierigkeiten zuvorgekommen.

Chris van de Runstraat