Hofkirchen am Niederrhein
Bei unserem Treffen in Nordholland 2016 haben viele von uns „Ons’ Lieve Heer op Solder“, die verborgene Kirche in Amsterdam, besucht. Nach der Reformation war es Katholiken dort zunächst untersagt, öffentlich ihre Messe zu feiern. Der reiche Kaufmann Jan Hartmann, der aus dem Münsterland stammte, legte zwischen 1661 und 1663 die Speicher von drei benachbarten Grachtenhäusern zusammen und richtete dort eine Hauskirche ein.

Das „Gegenstück“ konnten meine Frau und ich bei einer Rundfahrt der Philippus-Akademie, einer Einrichtung des Evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss, erleben: Wir besichtigten fünf Hofkirchen am Niederrhein. Nein, es geht nicht um Kirchen an fürstlichen Höfen! Eher könnte man von „Hinterhofkirchen“ sprechen.

Um 1540 kamen viele Niederländer an den Niederrhein und brachten die Lehre des Calvinismus mit. Im damaligen Herzogtum Jülich konnten sie unter dem toleranten Herzog Wilhelm V (1539-1592) ihren reformierten Glauben ausüben. 1560 erkrankte der Herzog und Räte übernahmen die Herrschaft. Mit der Gegenreformation änderte sich das Klima unter den Glaubensrichtungen erheblich. Erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648 am Ende des 30-jährigen Krieges gab es eine gewisse Konfessionsfreiheit, und erste eigene Kirchen wurden den Reformierten zugestanden. An den von uns besuchten Orten geschah dies in Wassenberg 1652, in Viersen-Süchteln 1669, in Jüchen 1676 sowie in Kirchherten und Lövenich jeweils 1684. Am vorwiegend katholischen Niederrhein durften die Kirchen jedoch nicht auffallen und fanden ihren Platz somit in den Hinterhöfen.

Das Zusammenleben der Konfessionen war jedoch alles andere als friedlich: An den Fenstern der Hofkirche in Lövenich kann man heute noch die Scharniere für Klappläden sehen. Die Läden schützten die Fenster vor den Steinwürfen der Katholiken.

Ich erinnere mich: Nach dem Ende des II. Weltkrieges zogen viele Flüchtlinge in meinen Heimatort an der deutsch-niederländischen Grenze. Viele von ihnen waren evangelisch. Die Kinder besuchten unsere katholische Volksschule. Es herrschte eine gewisse Neugier, Probleme gab es jedoch nicht. Erst als die "Evangelischen" ihre eigene Konfessionsschule bekamen, wurde es zum täglichen Ritual, sich auf dem Schulweg zu prügeln.

Später besuchte ich das Gymnasium in Rheydt, heute ein Stadtteil von Mönchengladbach. Rheydt war - im Gegensatz zu Gladbach - stark evangelisch-reformiert geprägt. Wechselseitige Toleranz war damals noch ein Fremdwort. So war es äußerst selten, dass ein Protestant eine Katholikin heiratete - und umgekehrt.

Als Katholiken sind wir eher prächtig ausgestattete Kirchen gewöhnt. Die Hofkirchen dagegen waren zunächst karge Betsäle ohne jeglichen Schmuck. Im Mittelpunkt stand die Kanzel, von der das Wort Gottes verkündet wurde. Erst viel später kamen Altäre, Kreuze und Orgeln hinzu. Oft stammten diese aus Schenkungen oder aufgelassenen Klöstern. Bilder oder Heiligendarstellungen sucht man auch heute noch vergeblich. Die Fenster zeigen bunte Elemente, zumeist die Wappen adeliger Schutzherren.

An den meisten der Hofkirchen würde man auch heute noch achtlos vorbei gehen. Lediglich Hinweisschilder deuten auf sie hin. Einigen wurde auch später ein Türmchen aufgesetzt, das allerdings weitaus bescheidener ausfiel als bei den benachbarten katholischen Kirchen.

Bei unserer Rundfahrt haben wir viel über die Anfänge der protestantischen Gemeinden in unserer Region erfahren, auch über die Konflikte zwischen den verschiedenen Ausrichtungen (reformiert - lutherisch). Mit dem Kirchenmusikdirektor der hiesigen ev. Hauptpfarre hatten wir einen kompetenten und äußerst unterhaltsamen Führer. Das i-Tüpfelchen an jeder Station war jedoch, dass er auf den jeweiligen Orgeln - von der kleinen Hausorgel bis zum stattlichen Instrument in Jüchen - eine Probe seines großen Könnens abgab.

Jürgen Kirchner