Tango mal anders
Als ich den Beitrag von Susanne über den Tango las, kamen mir sofort zwei Sachen in den Sinn:

Die erste kann jeder, der auch nur einen blassen Schimmer Ahnung vom Tango hat, nachvollziehen: den Wiegeschritt. Wie dieser Schritt genau ist, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass man einen Schritt nach vorne, dann einen rückwärts und wieder einen nach vorne macht und dann sofort... Ja, was eigentlich sofort?

Die zweite Erinnerung war eine Wanderung, die Tiny, Chris, Alice und ich einmal um den Tegernsee gemacht haben. Dabei muss ich ehrlich gestehen, dass „um“ nicht ganz stimmt:
Wir fuhren zunächst mit der BOB-Bahn nach Gemund und wanderten danach über den Höhenweg in Richtung Tegernsee. Da gab es ein Boot, das zur anderen Seite nach Bad Wiessee fuhr. Damals war Chris schon der Vernünftigere von uns beiden. Denn ich wollte schon dort ein Bier trinken. Leute, die denken, dass es nur im diesem Sommer heiß war, muss ich korrigieren. Auch an diesem Tag war es sehr, sehr warm. Aber Chris wollte unbedingt erst das Stück nach Kaltenbrunn zurücklegen. Es ist natürlich immer schwierig, so etwas zuzugeben, aber er hatte Recht.

Der Weg verlief quer über das Gelände des Golfclubs Bad Wiessee. Am liebsten hätte der Golfclub den Weg völlig für das normale Volk gesperrt, aber das hatte man selbst bei den allerhöchsten Instanzen nicht durchboxen können. Also liefen wir - umgeben von vielen Warnschildern, dass es streng verboten sei, den Weg zu verlassen – über den Platz, als plötzlich über einen Hügel ein Golfball auf uns zurollte. Nicht viel später kamen zwei Herren mit Golfschlägern ebenfalls über diesen Hügel. Einer heftig suchend und der andere zwei, drei Schritte hinterher, seelenruhig immer auf seine Uhr schauend.

Selbst für uns Laien war klar, dass ein Golfball gesucht wurde, und freundlich verrieten, wir wo dieser Ball lag. Wir wussten nicht warum, aber der zweite Spieler wurde sehr wütend auf uns. Ich stellte fest, dass Golfspieler ordentlich fluchen können. Viel später erfuhr ich den Grund für seine Wut: Wenn ein Spieler innerhalb einer bestimmten Zeit seinen Ball nicht findet, wird ihm ein Strafschlag aufgebrummt.

Der Vorteil der vielen Warnschilder war, dass es unmöglich war, sich zu verlaufen. Und so kamen wir ohne Probleme in Kaltenbrunn an. Nun war ich Chris dankbar, denn in Kaltenbrunn schmeckte das Bier bestimmt noch besser als in Bad Wiessee.

Auf dem letzten Stück in Richtung Gemund kamen wir noch an einem alten Bahnsteig vorbei, wo ein paar Burschen in Tracht Bier tranken. Obwohl die Erfahrung, behilflich zu sein, auf dem Golfplatz nicht so berauschend war, konnte ich es doch nicht lassen, die Burschen darauf hinzuweisen, dass heute kein Zug mehr käme. Sie sagten nichts, aber aus ihrer Haltung konnte man ableiten, dass sie sich fragten: „Was ist das für ein Blödmann?“

Ich kann mir vorstellen, dass sich einige Leser fragen, was diese Wanderung eigentlich mit dem Tango von Susanne zu tun hatte? Denn das wurde doch am Anfang behauptet. Ich kann diese Frage verstehen. Diese Frage käme überhaupt nicht auf, wenn die Wanderung in der umgekehrten Richtung erfolgt wäre, denn dann wäre sofort die Verbindung klar gewesen. Aber was in der umgekehrten Richtung als Erstes kommt, kommt in der anderen Richtung nun mal als Letztes.

In Gemund angekommen, stellte sich heraus, dass wir bis zur Abfahrt des Zuges noch jede Menge Zeit hatten. Also beschlossen wir, in der Bahnhofskneipe noch etwas zu trinken. Eine kleine Gruppe feucht-fröhlicher Alter befand sich, als wir hereinkamen, in einer leidenschaftlichen Diskussion. Ja, worüber wohl? Man mag es kaum glauben: Welcher Schritt beim Tango nach dem Wiegeschritt kam. Viele Möglichkeiten wurden diskutiert und ausprobiert, aber alles misslang. Als wir hinausgingen, fragte einer von der Gruppe, ob wir eventuell die Tangoschritte kannten. Klar! Bei uns in Holland fangen beim Tango immer beide Partner mit dem rechten Bein an und dann gibt’s nie Schwierigkeiten. Ich habe nie erfahren, ob diese Lösung ausprobiert wurde.

Jos de Wit