Jürgen Kirchner
Auf Wiedersehen, Berlin!

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Berlin ist für mich die aufregendste Stadt Deutschlands. Berlin hat so viele Facetten, ist zugleich hässlich und schön und steckt voller Widersprüche. Mit dieser Meinung stehe ich wohl nicht allein da: Die Zahl der Besucher aus dem In- und Ausland ist überwältigend. Zudem habe ich das Glück, dass meine Schwester seit über 40 Jahren Berlinerin ist. So habe ich nicht nur einen persönlichen Anlass, regelmäßig die Stadt zu besuchen, sondern auch eine ausgesprochen gute Stadtführerin vor Ort. Als ehemalige Kunsterzieherin weiß sie eine Menge über Museen, aber auch über Architektur und Stadtgeschichte zu erzählen.

Meine Schwester wohnt im Bayerischen Viertel in Schöneberg, unweit des Wittenbergplatzes mit dem KaDeWe. Kaum zu glauben, dass das Viertel erst zwischen 1900 und 1914 auf der "grünen Wiese" errichtet wurde! Die Zielgruppe bestand aus wohlhabenden Großbürgern. Zahlreiche Prominente wie Albert Einstein, Erich Fromm oder Gottfried Benn haben dort gewohnt. Im II. Weltkrieg wurden 75% der Gebäude zerstört. Zum Glück wurden etliche Häuser nach den alten Plänen rekonstruiert, so dass das Viertel heute wieder recht harmonisch und geschlossen wirkt.

Über die Jahrzehnte konnte ich bei meinen Besuchen die spannende Entwicklung Berlins unmittelbar miterleben. Kurz nachdem die Mauer die ersten Lücken aufwies, radelten wir völlig ungehindert auf den früheren Kontrollwegen der Grenzpolizei quer durch die Stadt. Die Volkspolizisten schauten verdutzt zu, ließen einen aber gewähren. Der Potsdamer Platz war damals nichts als eine trostlose Wüste. Der Stadtbezirk Mitte trug allenthalben noch die Spuren von Krieg und Teilung.

Um einen ersten Eindruck von Berlin zu bekommen, genügt ein Tagesticket von der BVG. Vom Oberdeck der Buslinien 100 und 200 aus genießt man einen vorzüglichen Blick auf die touristischen Highlights. Ein Geheimtipp sind Fahrten mit der Tram: So führen die Linien M4 und M6/16 durch den meist wenig glamourösen, aber dennoch interessanten Berliner Osten.

Die unendliche Geschichte um den Zentralflughafen BER steht als Synonym für chaotische Bauplanung. Aber eines muss man den Behörden lassen: Die Chance, nach dem Mauerfall die Stadt in großen Teilen neu zu gestalten, wurde meisterhaft genutzt: Der heutige Potsdamer Platz, die Regierungs- und Parlamentsbauten rings um den Reichstag und der neue Hauptbahnhof sind dafür eindrucksvolle Beispiele.

Diesmal habe ich mir die angesagten Touristenziele im Bezirk Mitte aus einer neuen Perspektive angesehen: von einem Boot auf der Spree aus. Erstaunlich, wie viele Schiffe mittlerweile dort unterwegs sind; auch dies ein Indiz für die hohen Besucherzahlen!

Mich interessierte vor allem das neue Humboldt Forum. Einst stand an seiner Stelle - unweit des Doms - das Berliner Stadtschloss. Im II. Weltkrieg schwer beschädigt, wurde es zu DDR-Zeiten gesprengt und durch den Palast der Republik (Volkskammer und Kulturzentrum) ersetzt. Ob die Entscheidung, „Erichs Lampenladen“ schließlich abzureißen, politisch sehr geschickt war, möchte ich bezweifeln. Genauso umstritten ist das neue Forum, dem man auf drei Seiten eine historisierende Fassade verpasst hat.

Berlin ist eine ausgesprochen grüne Stadt mit vielen Wasserflächen. Neben großstädtischen Vierteln und traditionellen Arbeiterbezirken gibt es Wohnquartiere mit fast dörflichem Charakter (z. B. Dahlem), aber auch großbürgerliche Villenviertel (z.B. am Wannsee und im Grunewald). Meine Schwester entführte mich auf die Insel Schwanenwerder am Ausgang des Großen Wannsees. Erst um die Wende des 19./20. Jahrhunderts wurden auf 16 großen Parzellen überaus prächtige Villen errichtet, vorwiegend von jüdischen Familien. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurden die Besitzer enteignet. An ihrer Stelle machten sich NS-Größen wie Goebbels und Udet auf der Insel breit. Nach dem II. Weltkrieg verfielen die Anwesen weitgehend. Stattdessen gab es Ferienlager und Freizeiteinrichtungen von Stadt und Kirche. Erst in den letzten Jahren wurden wieder repräsentative Neubauten errichtet, so für Axel Springer und das Unternehmen Würth.

Eine äußerst wechselvolle Geschichte hat die Pfaueninsel in der Havel, zu der wir mit einer Fähre übersetzten. Über die Jahrhunderte beherbergte sie u.a. eine Kaninchenzucht und die Werkstätten eines Alchimisten. Später war sie der romantische Rückzugsort des späteren Königs Friedrich Wilhelm II und seiner jungen Mätresse Wilhelmine. Wie Filmkulissen wirken das Schloss und die Meierei, die in einen sehenswerten Landschaftspark eingebettet sind. Ein Kuriosum ist der Fregattenschuppen: Er beherbergte einst die Miniaturfregatte „Royal Louise“, ein Geschenk des englischen Königs William IV an seinen preußischen Namensvetter. Seit Ende des 20. Jahrhunderts gibt es sogar einen Nachbau dieses Schiffes.

Die Nazis in ihrem Größenwahn planten bekanntlich die neue Hauptstadt Germania, durchzogen von einer Nord-Süd-Achse und einer Ost-West-Achse. Im Spreebogen wurde dafür ein ganzes Stadtviertel eingeebnet. Nur die Schweizerische Botschaft widersetzte sich. Sie steht auch heute noch „trotzig“ an ihrem alten Platz – unweit des heutigen Kanzleramtes. In Tempelhof befindet sich ein Großbelastungskörper, ein gewaltiger Betonklotz mit einem Gewicht von fast 13.000 t, mit dem die Tragfähigkeit des Untergrundes getestet werden sollte. Er ist das einzige oberirdische Überbleibsel der geplanten Nord-Süd-Achse.

Zeugen der damaligen Gigantomanie sind auch der Flughafen Tempelhof und die Anlagen rund um das Olympiastadion. Das halbmondförmige Flughafengebäude ist rund 1.200 m lang und war lange Zeit das flächenmäßig größte Bauwerk der Welt. Das Projekt überstieg den tatsächlichen Bedarf um das 30-fache. Erst die Amerikaner nahmen den Flughafen nach Kriegsende in Betrieb; fertiggestellt wurde er nie. Über Tempelhof wurde während der Berlin-Blockade ein Großteil der Luftbrücke abgewickelt. Von 1950 bis 2008 gab es schließlich auch eine zivile Luftfahrt, bis Tegel und Schönefeld diese Aufgabe ganz übernahmen.

Nach der Stilllegung des Flughafens bemächtigten sich die Berliner auf ihre ganz typische Art des Tempelhofer Feldes. Das Areal wirkt wie ein riesiger Freizeitpark zum Radeln, Skaten, Drachensteigen und Grillen. Da gibt es Gärten mit Hochbeeten, Imbissstände und sogar einen Kinderzirkus. Derzeit wird aber auch ein großes Containerdorf errichtet, das die provisorischen Flüchtlingsunterkünfte in den alten Hangars ersetzen soll. So mancher Berliner wünscht sich allerdings, man möge die riesigen Flächen auch dafür nutzen, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen.

Hertha BSC trägt nach wie vor seine Heimspiele im Olympiastadion von 1936 aus. So befindet sich das Stadion selbst in einem ausgezeichneten Zustand. Für das Olympiabad trifft dies leider nicht zu: Vor allem die Tribünen und Umkleideräume wirken arg verwahrlost, obwohl das Bad im Sommer nach wie vor genutzt wird. Um die zentralen Sportstätten herum gruppieren sich riesige Freiflächen wie das Maifeld mit dem Glockenturm und eine Vielzahl von weiteren Sportanlagen. Sechs Türme von je 35 m Höhe stehen stellvertretend für die deutschen Stämme. Zwei von ihnen tragen zwischen sich die olympischen Ringe.

Smartphones sind - wie der Name sagt - ziemlich "schlau". Und so war ich überrascht zu sehen, wie viele Kilometer wir in den wenigen Tagen zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem kleinen "Flitzer" meiner Schwester zurückgelegt hatten. - Ob ich nach so vielen Jahren Berlin tatsächlich kenne? Wohl kaum. Die Stadt ist wie eine Wundertüte, voller Überraschungen und einem stetigen Wandel unterworfen. Ich sage daher gerne: Auf Wiedersehen, Berlin!

Jürgen Kirchner

Siehe auch: Marianne Müller, Jubiläumsreise nach Berlin