Jürgen Kirchner
Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos…

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“Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos“. So oder in ähnlicher Form haben sich viele Mitmenschen (u.a. Heinz Rühmann, Loriot) über ihren vierbeinigen Begleiter ausgelassen. Manch anderer fasst sich bei derlei Äußerungen an den Kopf. In der krassesten Form sprechen wir hier über Hundenarren und Hundehasser. Eigentlich sollte man diese beiden Gruppen säuberlich trennen; sie werden nie zueinander finden...
 
Nach 38 Jahren leben wir nun ohne Hund. Ende August mussten wir von Krischan, unserem sechsten Golden Retriever, Abschied nehmen. Uns tröstet, dass er mehr als 14 Jahre alt wurde und wir mit ihm (und er mit uns) eine wunderschöne Zeit hatten.
 
Begonnen hat alles 1979 in England. Meine Frau und die Kinder wollten unbedingt einen Goldy; ich war strikt dagegen. Wie dieser „Kampf“ ausging, kann man sich denken. Unser neues Familienmitglied hieß Joe und stammte aus einer sogenannten Arbeitslinie. Joe war ein Flegel: Er zerlegte unsere Sofagarnitur, vergnügte sich am Putz der Wände und streunte nach Lust und Laune in unserem Dorf Appleford herum. Vorzugsweise besuchte er dann die „Mädels“ auf der Farm. Uns fehlten damals noch die pädagogischen Fähigkeiten, Joe auch nur ein Minimum an Manieren beizubringen.
 
Andererseits war Joe ein toller Begleiter, ob beim Joggen oder auch auf unseren Entdeckerreisen kreuz und quer über die Britischen Inseln. Er fand es auch spannend, mit uns auf unserer Jolle zu segeln. Angst war ein Fremdwort für ihn. So ging er auch keiner Rauferei aus dem Weg. – Leider wurde Joe nur etwas mehr als fünf Jahre alt.
 
Zurück in Deutschland legten wir uns Muffin zu. Er wurde ein Münchner. Muffin war liebenswert und zu jedem Spaß aufgelegt. Im Nebenberuf avancierte er zum "Werbestar": Monatelang konnte man ihn auf XXL-Plakaten eines Hundefutter-Herstellers bewundern. Später zierte er den Titel eines Buches über Hundeerziehung. Als Muffin fünf Jahre alt war, verhalfen wir ihm zu einem kleinen Spielkameraden – Thorby. Muffin fand das gar nicht lustig: Der Kleine ging ihm gehörig auf die Nerven. Mit der Zeit aber wurden die Beiden ein prächtiges Team. Mancher wird sich gewiss daran erinnern, dass die beiden „Jungs“ dann und wann auch zu Gast in der ESM waren. Sie erkundeten zur Freude der Kinder die Schule, lagen zumeist aber dösend in meinem Büro.
 
Thorby war ein Streuner. Ich erinnere mich an einen Sonntagmorgen im Hohenbrunner Forst. Bei Eis und Schnee joggte ich mit Muffin und Thorby die Wege entlang. Plötzlich schlug Thorby einen Haken und war im Wald verschwunden. Alles Rufen und Suchen war zwecklos. Schließlich fuhr ich bei der Eiseskälte nach Hause, schnappte mir mein Fahrrad und machte mich erneut auf die Suche. Nach einer endlos langen Zeit hörte ich ein merkwürdiges Geräusch hinter mir: Es stammte von einem atemlosen, schier verzweifelten Thorby. Alle Schimpfkanonaden, die ich mir zurechtgelegt hatte, blieben mir im Halse stecken. So erleichtert war ich!
 
Muffin wurde – und das ist für einen Retriever eigentlich "normal" – fast 12 Jahre alt. Thorby musste drei Wochen nach Muffins Tod ebenfalls eingeschläfert werden; über die Ursache können wir nur rätseln. Manchmal glauben wir, dass er den Verlust seines „Kumpels“ nicht verkraftet hat.
 
Danach wollten wir eigentlich keinen neuen Hund mehr haben. Aber wir (mittlerweile also auch ich) waren hoffnungslos vom Retriever-Virus befallen und legten uns einen neuen Welpen zu: Filou. Er war ein prächtiger Bursche, aber leider erkrankte er mit drei Jahren an unheilbarem Knochenkrebs. Wieder ein schmerzlicher Abschied!
 
Nur wenig später kam Iljoscha zu uns. Er war ein besonderer Hund: wunderschön, lernbegierig und liebenswert. Eventuelle Widersacher würdigte er keines Blickes und vermied so sein Leben lang jeglichen Konflikt. Er hatte die Zuchtzulassung und sorgte - ganz nebenbei - für rund 30 Nachkommen. Freundlich nahm er auch Krischan, seinen jüngeren Halbbruder, auf. Die Beiden verbrachten rund 13 gemeinsame Jahre bei uns; jeder erreichte ein wunderbar langes Hundeleben (etwa 100 Menschenjahre). Alle Reisen, ob an die See oder in die Berge, machten sie mit. Für viele Bewohner unseres Stadtteils waren wir die Leute mit den beiden schönen Retrievern.
 
Nach Joschas Tod im April 2016 hatten wir dann nur noch Krischan. Er war damals schon ein alter Hund. Aber bis zu seinem letzten Tag freute er sich auf den morgendlichen Spaziergang im Wald. Langsam und gemächlich drehten wir beiden Alten unsere Runde. Neugierig las Krischan die „Hundezeitung“ und freute sich über all die Streicheleinheiten, die ihm zuteil wurden.
 
Noch im Juni verbrachten wir mit Krischan eine Urlaubswoche in Zeeland. Recht plötzlich zeichnete sich dann sein Ende ab. Er, der zuvor niemals krank gewesen war, verlor die Lust am Fressen, magerte stark ab und wirkte oft orientierungslos. Zuletzt torkelte er immer öfter kraftlos herum. Schließlich musste der Tierarzt ihn erlösen.
 
Ist unser Leben jetzt sinnlos geworden? Nein, gewiss nicht! Natürlich müssen wir uns an dieses andere Leben, den neuen Tagesrhythmus gewöhnen, aber wir sehen auch die Möglichkeiten, die sich uns nun eröffnen: So kann vielleicht auch der eine oder andere Reisewunsch verwirklicht werden, der bislang zurückgestellt werden musste. In unsere verständliche Trauer mischt sich also auch eine Portion Vorfreude auf Neues. Schau'n wir mal!