Bye-bye, Bahnhof
Jürgen Kirchner

Mönchengladbach ist die größte Stadt am linken Niederrhein und keineswegs ein Stadtteil von München, wie die frühere Schreibweise München-Gladbach vermuten ließ. Mein heutiger Wohnort zählt zwar nicht zu den „Perlen“ unter den deutschen Großstädten, hat aber dennoch eine Menge Sehenswertes zu bieten: Den Abteiberg mit historischem Rathaus und Münster, herrliche Wasserschlösser und beschauliche Parks.

International bekannt ist Mönchengladbach nicht zuletzt wegen seiner Borussia, die fünfmal Deutscher Meister, dreimal Pokalsieger und einmal sogar Sieger in der Champions League war. Vor kurzem war sie so respektlos, Bayern München im Pokal mit 5:0 zu besiegen. Außerhalb Bayerns wurde dies angeblich bejubelt.

Und dann gibt es noch eine Besonderheit, die es sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft hat: Als einzige Großstadt – zumindest deutschlandweit – hat Mönchengladbach zwei Hauptbahnhöfe: Mönchengladbach Hbf und Rheydt Hbf. Das rührt noch aus der Zeit, als die beiden Städte unabhängig voneinander waren, auch ein Grund dafür, dass bis heute zwei Vorwahlen (02161 und 02166) bestehen.

Rheydt Hbf geht es jetzt an den Kragen: Das Gebäude war seit Jahren ein Schandfleck. Und so entschloss sich die Stadt, es von der DB zu kaufen, abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Seit kurzem erfolgt endlich der Abriss.

Ich muss gestehen, dass mich dieser zugleich ein wenig schmerzt, denn mit dem Hauptbahnhof Rheydt sind viele Erinnerungen verbunden: Von 1952 an fuhr ich neun Jahre lang von meinem Heimatort Dalheim an der Grenze zu den Niederlanden nach Rheydt, wo ich das Hugo-Junkers-Gymnasium besuchte.

In den Anfangsjahren waren die Züge noch alt und klapprig. Gezogen wurden sie von Dampfloks der Baureihe 74, die ihren Ursprung noch bei den Preußischen Staatsbahnen hatten. Gewissermaßen handelte es sich um Kriegsveteranen mit allerlei Gebrechen: Sie fielen oft aus und verkehrten eher sporadisch. Ein Stundentakt stellte sich erst ein, als Schienenbusse eingeführt wurden. Für uns Schüler war dies eher ein Rückschritt, da ein plausibler Grund für kollektives Schulschwänzen fortan entfiel.

Da die Züge morgens viel zu früh in Rheydt ankamen und nachmittags viel zu spät nach Dalheim zurückfuhren, verbrachten wir viele Stunden im Wartesaal des Bahnhofs Rheydt. Dieser war für uns wie ein zweites Zuhause. Die Zeit nutzen wir manchmal sinnvoll und erledigten unsere Hausaufgaben. Meist war dies Teamwork, d.h. wir schrieben voneinander ab. Mindestens ebenso viel Zeit verbrachten wir mit Kartenspielen, vor allem Skat.

Man könnte annehmen, dass wir – spätestens mit Eintritt in die Pubertät – die Wartezeit gerne mit unschuldigen Flirts überbrückt hätten. Aber in der damaligen Zeit herrschten noch Sitte und Ordnung. Mädchen und Jungen wurden strikt getrennt unterrichtet. Das Wort Koedukation hatte noch nicht Eingang in unsere Sprache gefunden. Und so wussten wir zwar, dass es weibliche Wesen gab, aber hatten keine Ahnung, wo diese ihre Wartezeit verbrachten. In unserem hauptbahnhöflichen Wartesaal jedenfalls nicht.

Einmal in der Woche gab es einen Schulgottesdienst, an dem teilzunehmen Pflicht war. Mit den Jahren nahm unsere Neigung zur christlichen Einkehr allerdings kontinuierlich ab. Skat zu spielen war eine willkommene Alternative. Unser Schulgeistlicher Dr. Schütt, rothaarig, streng und gefürchtet, teilte unsere Leidenschaft leider nicht. Regelmäßig flogen die Pendeltüren zum Wartesaal auf, Dr. Schütt erschien drohend im Türrahmen, während wir unsere Siebensachen zusammenrafften und zur gegenüberliegenden Pendeltür hinausstürmten.

Vor einigen Tagen stand ich an der Abbruchstelle und fand mich in meinen Gedanken in die Schulzeit zurückversetzt. In etwa zwei Jahren soll der neue Bahnhof fertig sein. Den Titel Rheydt Hbf wird er dann los sein. Er heißt dann Mönchengladbach-Rheydt Hbf, fast so lang wie manche walisische Ortsbezeichnung. Neben Geschäften wird auch die Polizei dort einziehen. Vielleicht kann die dafür sorgen, dass das neue Gebäude nicht gleich wieder ein Schandfleck wird. Und hoffentlich gibt es einen Wartesaal für neue Schüler-Generationen, in dem man nicht nur Skat spielen, sondern auch flirten kann...