Meine Corona-Stauden-Therapie
Jürgen Kirchner

Die Covid 19-Pandemie hat die Menschen auf sehr unterschiedliche Weise getroffen, manchen sogar Leid und schmerzlichen Verlust gebracht. Wir waren vorsichtig und hatten das Glück, dass wir die Zeit bis zur doppelten Impfung unbeschadet überstanden haben. Zu den Senioren zu gehören kann zuweilen von Vorteil sein: Das Leben ist ohnehin entschleunigt.

Schade fand ich allerdings, dass die Kontakte zu Freunden und Familie über viele Monate stark eingeschränkt waren und sich somit eine gewisse Langeweile einstellte. Aber dann kam mir die rettende Idee: Schon lange missfiel mir eines unserer Gartenbeete voller Bergenien. Während der Blütezeit sind die Stauden zwar recht ansehnlich, später aber welken die großen Blätter dahin. Obendrein hatte sich in dem Beet der Giersch breitgemacht. Giersch wird zwar auch als Heilpflanze und sogar Gemüse genutzt, ist dennoch eine Plage für jeden Hobbygärtner.

Mein Plan lautete: Ich lege - statt der Bergenien - ein neues Staudenbeet an. Dies bedeutete bei uns „verkehrte Welt“. In der Regel ist es so, dass die liebe Ehefrau verkündet: „Schatz, wir müssten mal...“ Konkret bedeutet dies, dass die Allerliebste einen Plan hat, ihr Schatz aber den praktischen Teil übernehmen soll. Diesmal war es aber so, dass der Schatz ausnahmsweise selbst die Idee hatte und obendrein die Ausführung übernehmen wollte.

Nicht ganz allerdings: Beim Ausgraben der Rhizome und Ausläufer halfen mir unsere afrikanischen Schützlinge Biruk und Aster, die nicht nur jung, sondern auch ausgesprochen kräftig sind. In den Wochen danach lauerte ich wie ein Luchs auf neue Giersch-Triebe, denn ein winziges Stück Wurzel reicht aus, um die Pflanze erneut munter sprießen zu lassen.

Ich kann nicht behaupten, ein erfahrener Gartenexperte zu sein. Erste bescheidene Ansätze gab es allerdings während unserer Zeit in England. Unser Haus verfügte nicht nur über einen großen Garten, sondern obendrein ein Gewächshaus. Dort zog ich meine Setzlinge heran, machte ein verwahrlostes Beet urbar und hatte sogar einen gewissen Erfolg bei der Ernte. Unsere englischen Nachbarn, die bekanntlich mit einem „grünen Daumen“ geboren werden, urteilten mit britischem Understatement: „Not so bad - for a start“...

Wozu sollte ich mir bei dem geplanten Staudenbeet unnötig den Kopf zerbrechen, wenn es im Internet eine Fülle von guten Ideen gibt? Am besten gefiel uns ein Musterbeet einer „gräflichen“ Staudengärtnerei im Badischen. Nach rund zwei Wochen wurden zwei große Kartons mit sorgfältig verpackten Stauden - versehen mit einem Pflanz- und Pflegeplan - angeliefert.

Am liebsten hätte ich die Pflanzen umgehend eingebuddelt, aber Geduld (nicht gerade meine Stärke!) ist auch hier angebracht: Das Wetter muss passen, die Verteilung auf der vorhandenen Fläche stimmen und der Boden sollte mit Pflanzerde angereichert sein. An einem Vormittag Anfang Mai war das Werk dann vollbracht. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Zu Beginn „verloren“ sich die Pflänzchen auf der recht großen Fläche (siehe Foto) rings um den vorhandenen Rieselbrunnen.
Stacks Image 11222
Von nun an führte mich der erste Weg morgens zu unserem neuen Staudenbeet. Tapfer ertrug ich den leisen Spott meiner Frau: „Na, musst Du wieder nachsehen, wie es Deinen Blumenkindern geht?“ Diese Sprüche wurden nicht besser, als sich meine Kontrollgänge häuften. Nicht weitersagen: Zuweilen redete ich sogar mit den Pflänzchen. Man munkelt, dies würde das Wachstum fördern..

Dennoch dauerte es eine ganze Weile bis in den Juni hinein, bis sich aus den durchweg kleinen Setzlingen immer kräftiger werdende Stauden entwickelten, einige um mehr als 150 cm hoch. Und nicht nur das: Die Vielfalt an Blüten ließ uns Tag für Tag mehr staunen (siehe Fotos!). Sogar die allerliebste Ehefrau sparte nicht mit Lob. Ob sie die Pflanzen oder den Gärtner meinte, muss ich noch ergründen.

Rechtzeitig vor meinem „runden“ Geburtstag Ende Juni wurden die Corona-Regeln gelockert, so dass wir mit der Familie und – ein wenig später – mit den Nachbarn feiern konnten. Und dazu gehörte ein Barbecue im Garten – mit dem üppig gediehenen Staudenbeet im Hintergrund (siehe Foto). Kommentar eines Nachbarn: „Das ist ja hier wie im Paradies!“ Ich habe zwar keine Ahnung, wie es dort aussieht, aber immerhin...

Staudenbeete haben die Eigenschaft, dass sie ihr „Gesicht“ mit den Jahreszeiten verändern: Im Spätsommer werden die meisten Blüten verwelken. Im Herbst wird nach und nach auch das Grün absterben. Im kommenden März muss es dann eine Handbreit über dem Boden zurückgeschnitten werden. Der Winter ist die Zeit der Ruhe, bis dann im Frühling die Stauden (hoffentlich!) beginnen, wieder auszutreiben.

Ich freue mich auf diesen ständigen Wandel und bin mächtig stolz, dass ich mein Projekt gerade in diesen Zeiten zu Ende geführt habe. Ich klopfe mir - mangels englischer Nachbarn - selbst auf die Schulter und sage: "Really - not so bad!" Und es stimmt: In gewisser Weise war dies meine persönliche Corona-Stauden-Therapie. - Nur: Ein grüner Daumen ist mir immer noch nicht gewachsen!
Stacks Image 11220