Yvon Heumann wird 90 - Erinnerungen
Jos de Wit

Siehe dazu auch die Anmerkungen im Blog.


Farbfotos: Marianne Müller


Obwohl es schon sehr, sehr lange her ist, kann ich mich noch gut an bestimmte Sachen erinnern, als Herr Heumann Direktor war.

Es gab damals ein „cahier des matières vues“. Das bedeutete, dass man in ein Heft für jede Stunde, die man unterrichtetet hatte, eintragen musste, was man gemacht hatte. Man kann sich vorstellen, wie das, jedenfalls bei mir, geht. Am Anfang wird alles jeden Tag sehr genau eingetragen. Später geschah das nur noch jede Woche, noch später einmal im Monat und zum Schluss war es so: Verdammtnochmal, ich muss Morgen mein Heft abgeben und ich habe schon lange nichts mehr eingetragen.

Ich hatte eigentlich keine Ahnung, was mit den abgegebenen Heften gemacht wurde, ob überhaupt jemand mal hineinsah oder ob sie sofort in einem Raum im Keller verschwanden. Bis ich mal zum Direktor gerufen wurde. „Heer De Wit“, so fing er an, „Sie haben Unterrichtsstunden am 17. Mai eingetragen - und da war Christi Himmelfahrt, also überhaupt kein Unterricht!“ Upps! Zum Glück kam keine Reaktion auf meine Antwort: „Ich danke Ihnen für die Kontrolle, denn jetzt verstehe ich erst, warum so wenige Schüler an diesem Tag im Unterricht waren“.

Es gab mal einen niederländischen Abend, als Herr Heumann noch nicht so lange an der Schule war. Schüler, Eltern und Lehrer trugen etwas auf der Bühne vor. Zufällig war der niederländische Inspektor auch da. Und so saß der, zusammen mit Herrn Heumann, in der ersten Reihe. Die deutschen Kollegen können sich das nicht vorstellen, aber wir hatten einen sehr guten, freundschaftlichen Kontakt zu unserem Inspektor. Er hatte uns mal erzählt, dass er zunächst mit einer Ausbildung zum Pfarrer angefangen hätte.

Wir Lehrer sangen damals auf der Bühne oft ein niederländisches Kinderlied, wobei der Refrain ständig wiederholt wurde. Als wir hörten, dass der Inspektor auch kam, haben wir sofort den Text umgeschrieben. Und wir sangen: „Word geen pater, denk aan later, zei der Inspekteur“ („Werd' kein Pfarrer, denk an später, sagte der Inspektor“). Dazu falteten wir die Hände und schlugen ein Kreuz. Da Herr Heumann mir genau gegenübersaß, sah ich seine Reaktion, als dieser Refrain zum ersten Mal gesungen wurde. Erschreckt guckte er zum Inspektor, der blau anlief vor Lachen. Und dann war Herr Heumann beruhigt. Ich glaube, dass dieses Lied seine Einstellung zum Kabarett sehr beeinflusst hat, denn er war später immer begeistert. Jedenfalls behauptete er das.

Legendär waren die Kenntnisse Herrn Heumanns von allem, was über Schienen fuhr. Und so wurde sein 60. Geburtstag in einem Wagen der Münchner Straßenbahn gefeiert. Höhepunkt war, dass er stolz, mit offizieller Mütze, den Wagen selber steuern durfte. Ich glaube, wir hätten ihm damals kein größeres Vergnügen bereiten können.

Und so erscheint bei mir immer ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn ich mich an Herr Heumann erinnere, und ich hoffe genau das Gleiche, wenn Herr Heumann sich an die Schule erinnert.

Herr Heumann, ich gratuliere Ihnen. Und bleiben Sie gesund!

Jos de Wit

Das nachfolgende SW-Foto stellte Erik van Slooten zur Verfügung

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