Neuland
Chris van de Runstraat

Die Ziffern bezeichnen die Positionen, an denen die Fotos oben bzw. unten entstanden sind.

Mir blieb von meinen vorgenommenen Auslandreisen nur eine übrig: Zwischen beiden Covid-Wellen wanderte ich mit Jürgen Scherb sowie Jelle und José van Ham an den Hängen der Mosel entlang. Wir waren letztes Jahr bis Trier gekommen und erreichten jetzt nach vier Tagen die französische Grenze. 2021 soll es weiter gehen nach Metz. Endziel: Santiago de Compostela. Ungefähr an meinem 110ten Geburtstag werden wir voraussichtlich dort eintreffen.

Viele andere Aktivitäten mussten leider eingestellt werden. Trotzdem entdeckte ich ganz in der Nähe eine Überraschung. Mein Wohnort Huizen liegt an einem See, einem der übriggebliebenen Stückchen von der alten Zuiderzee. Spaziere ich von meinem Haus zur Küste, dann sehe ich dort keine Seehunde mehr und kein Meer ohne Ende, aber auf der anderen Seite einen Deich und die Konturen der Stadt Almere (ausgesprochen: Almähre).

Ich war einige Male dort und war nicht begeistert: Alles neu und so ausgedehnt, dass man sich schwer zurechtfindet. Anfang September aber fuhr ich mit zwei Bekannten einen ganzen Tag lang mit dem Fahrrad herum und habe meine Meinung geändert.

Vor 45 Jahren wurden die ersten Häuser im gerade trocken gepumpten Polder gebaut. Jetzt wohnen mehr als 200.000 Menschen in Almere, das noch weiter anwachsen soll zur viertgrößten Stadt der Niederlande, nach Amsterdam, Rotterdam und Den Haag. Die Stadt hat bereits mehrere Kerne und es kommen noch mehr dazu.

Huizen gegenüber liegt der älteste Kern: Almere-Hafen. Dort findet man u.a. - in Anlehnung an Amsterdam - Kanäle. In dem Kern, der momentan gebaut wird, Almere-Dünen, hat man zuerst eine Riesenmenge Sand aufgeschüttet und dann mit Sandhalm bepflanzt. Jetzt werden mitten darin Einfamilien- und Hochhäuser gebaut. Schon fertig sind der Badestrand und der Jachthafen, mit Amsterdam am Horizont.

Alles was man sieht, kommt vom Zeichentisch: Jedes Haus, jeder Baum entlang einer Straße oder im Wald, jede Autobahn oder jeder Radweg. Die Stadtbusse fahren großenteils auf eigenen Spuren und stecken also selten im Stau. Wir waren 40 km unterwegs auf Radwegen mit viel Grün, auch nah am Zentrum.

Interessant ist ein Gebiet, wo man ziemlich preiswert ein Grundstück kaufen kann und weiter alles selbst organisieren muss: Bau, Abfuhr, Energie, Straßenbau. Dafür kann man fast uneingeschränkt sein eigenes Traumhaus bauen. Holzhaus steht neben Rohstahl- oder Ziegelhaus.

Auch für die Wälder hat man sich einiges ausgedacht. So gibt es z.B. einen Kreiswald: Alle Wege dort sind Teile von Kreisen verschiedener Größe. Eine Besonderheit sind die zwei "Kathedralen": Ein Wäldchen mit der Kontur einer Kathedrale und eine gleich große Lichtung im Wald nebenan.

Nicht alles verläuft nach Plan. So erweiterte man den kleinen geplanten See im Stadtinnern in einen sehr großen. Ein Preis wurde ausgelobt für einen guten Namen dafür. Gewonnen hat weerwater, auf Deutsch Wiederwasser: erst Wasser, dann Land, dann wieder Wasser. Auch werden die ersten Windmühlen - damals eine Neuheit - abgerissen und ersetzt durch neuere.

Eine Änderung, die man schwer in den Griff bekommt, ist das fast gleichzeitige Umkippen von Eschen. Diese Bäume wurden massenweise gepflanzt, sind darum alle gleich alt und sind jetzt empfindlich für eine bestimmte Eschenkrankheit. Auch unerwünscht sind die Unmengen von Riesenbärenklau, einem 2 m hohen Gewächs mit Blättern, an denen man sich ordentlich verbrennen kann.

Nordöstlich der Stadt hat sich unerwartet ein ausgedehntes Naturschutzgebiet entwickelt, die „Oostvaardersplassen“. Es zählt jetzt zu den wichtigsten Vogelbrutgebieten der Niederlande, und auf den Wiesen dahinter laufen wilde "Konikpferde" herum. Schließlich ist erwähnenswert, dass es in dieser nagelneuen Stadt auch ein Märchenschloss gibt. Jemand hatte sich ein lukratives Geschäft damit erhofft, aber ging schon vor Bauende pleite. Jetzt haben wir auch schon eine nagelneue Ruine, sagen die Spötter.

Zum Vergrößern bitte die Fotos anklicken!


Kartenausschnitt unten: Lage von Almere in der früheren Zuiderzee
Quelle: Open Street Maps

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