Geburtstagsgeschenk
Jos de Wit
Ich hatte immer gedacht, dass das Verhältnis zwischen meinen Kindern und mir prima sei. Aber beim letzten Geburtstagsgeschenk fing ich doch ein bisschen an, daran zu zweifeln.

Da Alice und ich fast gleichzeitig Geburtstag haben, ist es bei uns immer üblich, dass die Kinder mit einem gemeinsamen Geschenk kommen. Und so war es diesmal auch. Sie kamen herein mit vier Briefumschlägen, nummeriert von 1 bis 4. Zuerst sollte Briefumschlag Nr. 1 geöffnet werden. Wenn wir diesen Vorschlag akzeptieren sollten, wäre es vorbei und die anderen drei Umschläge blieben zu. Wenn wir Vorschlag eins nicht annehmen sollten (Die Kinder konnten sich fast nicht vorstellen, dass das passierte), dann müsste Umschlag 2 geöffnet werden. Aber, wurde nachdrücklich gesagt, wir dürften nicht mehr zurück zu Option 1. Und das gelte dann auch für die nächsten Nummern. Und - es klang fast drohend - das Ablehnen von Vorschlag 4 würde bedeuten: Kein Geschenk dieses Jahr! Also wurde gesagt: „Überlegt es Euch sehr gut, so dass Ihr später Eure Entscheidungen nicht bedauert.“

Und so fingen wir erwartungsvoll mit Nummer eins an: Bungee Jumping! Meine Reaktion war klar: Never!* Ich habe immer gesagt: Welcher Idiot springt hinunter in die Tiefe, wobei man nie weiß, ob auch dieses Mal das Seil kürzer ist als der Abgrund? Zum Glück war Alice diesmal mit mir einer Meinung.

Also wurde Umschlag 2 geöffnet - mit dem Gedanken: Nr. 1 war ein Witz, jetzt kann wirklich gewählt werden. Aber weit verfehlt, denn dort stand: Fallschirmsprung. Wahrscheinlich stand zur Beruhigung auch noch das Wort Tandem dabei, aber: no way!*

So ging es auch mit Umschlag 3. Auch da stand das Wort Tandem, aber jetzt zusammen mit Paragliding. Ohne etwas zu sagen, erinnerten wir uns sofort beide gleichzeitig an ein Ereignis, das in der Nähe von Mariannes Hütte stattfand. Auf einem sanften Hang wurde zwei Paraglider vorbereitet. Als neugierige Flachlandtiroler schauten wir uns dies an. Wir hörten, dass dieser Hang sehr geeignet sei für das Tandem-Paragliding. Und tatsächlich: Bei dem ersten Glider ging alles reibungslos, aber bei dem Zweiten…

Beim Anlauf stolperte der Anfänger, der Glider hob trotzdem ab und einer fiel, zum Glück aus geringer Höhe, herunter. Es stellte sich heraus, dass er sich nicht verletzt hatte, und noch viel wichtiger, dass er nicht der Spezialist war.

Also wurde Umschlag Nr. 3 auch abgelehnt. Wir waren uns einig, dass man uns auch sofort Umschlag 4 hätte geben können. Allerdings haben wir uns nie gefragt, was der Inhalt hätte sein können. Eigentlich hätte doch einmal etwas Vernünftiges zum Vorschein kommen müssen...

Und so wird man von seinen Kindern, auch wenn die schon erwachsen sind, immer wieder überrascht.

Jos

*Ich kann mir vorstellen, dass Helen Moorwood erstaunt, vielleicht auch erfreut ist, wenn sie jetzt feststellt, dass Ihre Englischstunden in der Schule bei mir doch noch etwas gebracht haben.