Ende Gelände - Streit um die Braunkohleförderung
Jürgen Kirchner
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Übersichtskarten des Rheinischen Braunkohlereviers und des Tagebaus Garzweiler
Quelle/Karten: Arne Müseler / Arne-mueseler.com / CC-BY-SA-3.0
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de

Ende Gelände… auch am letzten Septemberwochenende 2020 haben wieder rund 3.000 Umwelt-Aktivisten rund um den Tagebau Garzweiler demonstriert. Es sind junge Leute wie von „Fridays for Future“, Links-Alternative und etliche „normale“ Bürger aus den betroffenen Ortschaften.

Sie besetzten Bagger und Werksanlagen und zogen durch dem Abriss preisgegebene Dörfer in der Nähe von Erkelenz. Die Polizei war nicht zimperlich und ging mit Schlagstöcken und reichlich Tränengas gegen die Demonstranten vor. Ähnliche Bilder gingen um die Welt, als für den Erhalt des Hambaches Forstes gestritten wurde.

Worum geht es? Nach wie vor wird im Rheinischen Braunkohlerevier der Abbau vorangetrieben. Vorangetrieben? Das hört sich so technisch-bürokratisch an. In der Realität bedeutet es, dass sich eine riesige, kilometerweite und bis zu 200 m tiefe Grube allmählich in westlicher Richtung bewegt. Das Ausmaß der landschaftlichen Umwälzungen zeigt ein Blick auf die Übersichtskarte: Aktuell gibt es noch drei aktive Tagebaue im Rheinland: Garzweiler (südlich von Mönchengladbach), Inden (südöstlich von Aachen) und Hambach (westlich von Köln). Aufgelassene Tagebaue liegen in einem langen Streifen von Jüchen bis Brühl bei Bonn.

Nach wie vor werden Dörfer Zug um Zug abgerissen, Kirchen, Schlösser, Gehöfte und historische Gebäude verschwinden. Immerhin werden die Toten auf die neuen Friedhöfe umgebettet. Zur Stadt Bedburg gehört Alt-Kaster, ein malerischer Ort mit einer erhaltenen Stadtmauer und vielen historischen Häusern. Kaster ist ein beliebter Drehort für Film und Fernsehen und ein begehrtes Ausflugsziel. Entschiedener Bürgerprotest verhinderte, dass auch Kaster ein Raub der Bagger wurde.

Vor allem rund um Erkelenz und Jüchen entstanden neue Dörfer, die einerseits viel zeitgemäßer als die alten Ortschaften sind, denen andererseits jedoch die „Seele“ fehlt, wie Betroffene beklagen. Die Umsiedlung verletzt oft gewachsene Strukturen und sogar Freundschaften. Nicht jeder ist geschickt genug, mit der Rheinbraun (RWE) eine großzügige Entschädigung auszuhandeln. Daraus erwachsen nicht selten Neid und Missgunst.

Die Autobahn 61, die erst vor wenigen Jahren auf 6 Spuren erweitert wurde, wird zwischen dem Kreuz Mönchengladbach-Wanlo und dem Dreieck Jackerath weggebaggert. An ihrer Stelle wurde durch den renaturierten Tagebau bzw. auf hohen Dämmen die A 44 n gebaut, um so die Verbindungen nach Aachen bzw. Koblenz sicherzustellen. Geld spielt bei all diesen Maßnahmen offenbar keine Rolle!

Der Tagebau Garzweiler grenzt im Bereich Wanlo unmittelbar an meine Heimatstadt. Auch hier zeigen sich die Auswirkungen der Braunkohleförderung. Damit die Gruben nicht „absaufen“, wird der Grundwasserspiegel drastisch abgesenkt. Das führt in mehreren Stadtteilen zu gefährlichen Setzrissen an Gebäuden. Für den Erhalt der Landwirtschaft und der Waldgebiete wird Wasser durch Schlitzleitungen zugeführt. Das Flüsschen Niers hat seine Quellen verloren. An ihrer Stelle ragen dicke Wasserrohre aus dem Boden.

Die Demonstranten fordern u.a. den sofortigen Stopp der Braunkohleförderung. Aus zwei Gründen ist dies m.E. unrealistisch:

  • Wir haben nach wie vor eine Versorgungslücke, die durch die heimische Braunkohle geschlossen werden kann. Die Kraftwerke, die sich wie an einer Kette von Grevenbroich bis in den Raum Köln aneinanderreihen, wurden teils unter Milliardenaufwand modernisiert bzw. neu errichtet.

  • An der Braunkohle hängen Tausende Arbeitsplätze, die nicht von heute auf morgen „umgeschichtet“ werden können. Der Vertrag, der zwischen dem Bund und den betroffenen Ländern abgeschlossen wurde, muss nun Zug um Zug umgesetzt werden.

Bis weit über 2030 hinaus wird im Rheinland Braunkohle abgebaut werden. Später sollen dann die Gruben teils renaturiert, teils geflutet werden. Ähnlich wie in Sachsen und Sachsen-Anhalt wird dann eine Seenlandschaft mit einem hohen Freizeitwert entstehen. Für die Kinder der Betroffenen aus den Dörfern wird dies vielleicht ein Trost sein…

Fotos (JK): Zum Vergrößern bitte die Fotos anklicken!