Persönliche Gedanken zum Brexit
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Das Foto von der Tower Bridge stammt von meinem Enkel Moritz

Auf unserer Website haben wir bislang stets politische Themen ausgeklammert. Daher habe ich auch lange gezögert, etwas zum Thema „Brexit“ zu schreiben. Aber das – möglicherweise ungeordnete – Ausscheiden Großbritanniens aus der EU berührt viele von uns, insbesondere natürlich unsere britischen Kolleginnen und Kollegen.

Ich gehörte zu den ersten Lehrern an der European School of Culham und habe von 1978 bis 1984 mit meiner Familie auf der Insel gelebt. Als die Schule eröffnet wurde, war Großbritannien erst fünf Jahre Mitglied der Gemeinschaft. 1979 wurde Margaret Thatcher Premierministerin. Die Wurzeln für den Ausgang des Referendums, die emotionale Distanz der Briten zur EU und die aktuellen Probleme wurden m.E. schon damals gelegt. Legendär sind Thatchers Auftritt, als sie ihre Handtasche auf den Verhandlungstisch schlug und ausrief: „I want my money back“. Sie suggerierte wieder und wieder der britischen Bevölkerung, dass es darum gehe, die eigenen Interessen gegen den Moloch Brüssel zu verteidigen. Ich kann mich nicht darin erinnern, dass Margaret Thatcher während ihrer langen Amtszeit (bis 1990) irgendetwas unternommen hätte, Begeisterung für die Europäische Gemeinschaft zu wecken.

Eine wichtige Rolle spielen auch die Geschichte und die insulare Lage Großbritanniens. Ich war immer wieder verwundert, wenn Briten, die auf den Kontinent reisen wollten, verkündeten: „I am going to Europe“. War dies eine bloße Redensart oder empfanden sie ihr eigenes Land nicht als Teil Europas? Grundsätzlich kann man sagen: Während in Deutschland durchaus eine emotionale Beziehung zu Europa zu finden ist, sehen die meisten Briten das Verhältnis eher pragmatisch.

Letztes Jahr machten wir eine Schiffsreise entlang der norwegischen Küste. An Bord waren auch einige Briten. Unweigerlich kam auch der Brexit zur Sprache. Einige Mitreisende spulten die Slogans der Populisten ab, aber ich hörte auch durchaus ernstzunehmende Argumente wie: „Wir sind seit Jahrhunderten unabhängig und haben unsere Gesetze stets selbst in Westminster beschlossen. Ich will nicht, dass meine Zukunft und die meiner Kinder von Technokraten in Brüssel bestimmt wird.“

Man muss sich tatsächlich fragen, welches Bild die EU-Institutionen abgeben. Für viele Bürger sind die Zuständigkeiten unklar. Nationale Regierungen schieben gerne Misserfolge Brüssel zu und schmücken sich selbst mit den positiven Nachrichten. Nahezu grotesk ist es, wenn osteuropäische Regierungen, deren Länder erst durch massive Hilfen der Gemeinschaft aufgeblüht sind, auf die EU eindreschen.

Wenn ich führende Repräsentanten der EU im Fernsehen betrachte, denke ich zuweilen an einen Bussi-Bussi-Club alter Herren. Dazu die endlosen Sitzungen der verschiedenen Räte, die selten zu fruchtbaren Ergebnissen führen. Vor lauter Regelungswut der Kommission verblasst oft, welche Fortschritte uns die EU u.a. bei der Mobilität, der sozialen Sicherheit und vielen Alltagsfragen beschert hat.

Ich bin 1941 geboren. Bilder von der Evakuierung nach Mitteldeutschland, der Bombardierung Magdeburgs, vom Einmarsch der Roten Armee und der Flucht in den Westen haben sich bei mir – obwohl ich noch sehr klein war - eingebrannt. Danach bin ich unmittelbar an der Grenze zu den Niederlanden aufgewachsen. In den Jahren nach dem II. Weltkrieg war es unmöglich, diese Grenze zu überqueren; sie war streng bewacht. Heute genügen wenige Schritte, um den holländischen Nationalpark „De Meinweg“ zu betreten. Jüngere Generationen nehmen all dies als selbstverständlich wahr. Sie freuen sich allenfalls darüber, dass die Roaming-Gebühren für das Telefonieren im Ausland abgeschafft wurden.

Vor einigen Monaten besuchte ich das Dreiländereck bei Ouren (B). Dort stoßen Belgien, Luxemburg und Deutschland zusammen. Zum Gedenken an die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft hat man hier in einem Hain Findlinge mit den Namen der Unterzeichner der Römischen Verträge errichtet. An einem solchen Ort kommt Wehmut auf, denn die Vision von einem geeinten Europa ist weitgehend nüchternem Kalkül gewichen.

Zurück zu Großbritannien: Während meiner 23 Jahre an den Europäischen Schulen Luxemburg, Culham und München habe ich viele britische Kollegen kennengelernt. Mit Fug und Recht kann man sagen: Sie waren und sind überzeugte Europäer. So denke ich voller Bewunderung an D.G.E Hurd, den Gründungsdirektor der ES Culham, zurück. Derrick verknüpfte unermüdlich Elemente der englischen Schulkultur mit der Förderung der „European awareness“ an unserer Schule.

Kaum zu glauben, dass mittlerweile Stimmung gegen europäische Wanderarbeiter gemacht wird, die in der britischen Landwirtschaft und im Gesundheitswesen eigentlich unverzichtbar sind. Während unserer sechs Jahre auf der Insel sind wir niemals auf offene Ressentiments gestoßen. Es besaß höchstens eine gewisse Komik, wenn der Colonel aus der Nachbarschaft die Oberlippe verzog, als er erfuhr, dass wir Deutsche waren.

Die meisten ehemaligen britischen Kolleginnen und Kollegen sind angesichts der aktuellen Entwicklung fassungslos. Wie konnte es dazu kommen? David Cameron, von 2010 bis 2016 Premierminister, hat durchaus berechtigte Versuche unternommen, die EU zu reformieren. Viel Unterstützung von anderen Regierungen hat er dabei nicht erhalten. Vorzuwerfen ist ihm das innenpolitische Pokerspiel. Mit dem Ausgang des Referendums hat er gewiss nicht gerechnet. Auch nicht die vielen Pro-Europäer, die erst gar nicht zur Wahl gegangen sind. Es war die Stunde der Populisten mit ihren so einfach klingenden Lösungen. Vor allem auf dem Land und in den wirtschaftlich gebeutelten Regionen hatten sie ihren Zulauf. Dieses Muster wiederholt sich längst europaweit (u.a. in Ostdeutschland, Polen, Ungarn, Italien).

Keiner weiß so genau, wie sich der Brexit auswirken wird. Ich vertraue darauf, dass man in letzter Sekunde einen Kompromiss findet, der den ungestörten Verkehr und Handel zwischen dem Kontinent und der Insel, aber auch zwischen der Republik Irland und Nordirland, weiterhin ermöglicht. Dies setzt aber auch voraus, dass die Briten ihre bizarren Machtspiele im Parlament beenden.

Es bleibt vielleicht nur ein Traum, aber ich wünsche mir, dass die Idee eines geeinten, friedlichen Europas neu belebt wird und das Feilschen um individuelle Vorteile in den Hintergrund tritt. Es gibt Anzeichen dafür, dass unsere Jugend wieder politischer denkt und ihre Zukunft selbst verantwortlich gestalten will.

Vielleicht regt mein kleiner Beitrag andere dazu an, ihre Meinung zum Brexit zu äußern. Ich würde mich freuen.

Jürgen Kirchner