Nun ist der Brexit Realität
Jürgen Kirchner

Mit dem 31. Januar 2020 ist er Wirklichkeit geworden - der Brexit. Alle Hoffnungen auf eine Wende in letzter Minute haben sich nicht erfüllt. Manchem von uns - insbesondere der Mehrzahl unserer britischen Kolleginnen und Kollegen - ist zum Heulen zumute. Aber die letzten Unterhauswahlen haben nun mal Boris Johnson grünes Licht gegeben, seinen Plan umzusetzen. Er hat gezockt und gewonnen. Viele Briten waren des Taktierens überdrüssig und haben wohl nach dem Motto entschieden: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!"

Meinen persönlichen Bezug zu diesem Trauerspiel habe ich bereits in meinem früheren
Beitrag zum Brexit angesprochen:

  • Als junger Lehrer an der Europäischen Schule Luxemburg freute ich mich 1972, als die ersten britischen Lehrer das Kollegium verstärkten. Für das System der Schulen war dies wie eine Frischzellenkur.
  • 1978 wechselte ich dann an die neue Schule in Culham und war dort zunächst der einzige deutsche Lehrer. Mit meiner Familie nutzte ich die Chance, die herrlichen Landschaften, die Menschen und ihre zuweilen liebenswert-skurrile Lebensart kennenzulernen.
  • Leider musste ich auch erleben, dass die ES Culham nach 40 Jahren wieder ihre Tore schloss - zumindest in ihrer ursprünglichen Rechtsform.
  • Und nun erfolgt der Brexit, bei dem manche Briten sogar von einer neuen Freiheit und Unabhängigkeit sprechen. Dazu lassen sie vergnügt die Korken knallen.
  • Ich selbst finde das Ganze traurig, bin aber nicht sonderlich überrascht. Die Gründe habe ich in meinem o.g. Beitrag beschrieben.

Natürlich gibt es jetzt, Anfang Februar, keinen harten Schnitt: Zumindest bis zum Jahresende gilt eine Übergangszeit, in der die weiteren Modalitäten geregelt werden sollen. Manche Experten halten dies für eine Illusion. Stellen wir uns also auf 2-3 Jahre ein.

Weder die Briten noch die EU haben ein Interesse daran, in ungeordneten Verhältnissen zu landen. Dies gilt vor allem für die Handelsbeziehungen, den Reiseverkehr und die sozialen Standards. Die EU hat beispielhafte Arrangements mit Ländern außerhalb der Gemeinschaft getroffen, z.B. mit Norwegen. Ähnlich wird es vermutlich auch zwischen der EU und Großbritannien laufen. Wenn nicht, dürfte es spannend werden, wie Schottland, Nordirland und Wales auf eine derartige Situation reagieren werden.

Siehe dazu auch die Seite zum Treffen in Norfolk im September 2010.